Kunstlicht - über große und kleine Lichtquellen und Temperaturen

Aktualisiert: März 7

Kennst du diesen Moment, wenn du ein Set für eine Fotosession einrichtest und dann auf eine Bandbreite von verschiedensten Lichtquellen schaust? Jede davon hat Geld gekostet, manche unverschämt viel und wollen demnach unbedingt benutzt werden. Du kannst sie förmlich um deine Aufmerksamkeit heischen hören. Die kleine, bunte LED- Leuchte ruft ganz hektisch, dass du sie schon ewig nicht mehr benutzt hättest; aus der Ecke mit den teuren Blitzköpfen kommt nur Hohn für die kleine LED- Leuchte; und aus einer anderen Ecke grummelt die sauteure - aber leistungsstarke - Taschenlampe, dass sie nun echt mal wieder an der Reihe sei, ein weiteres Jahr sei schließlich schon rum.

In solchen Momenten hole ich oft meine Notizen zu dem geplanten Set raus und überlege noch einmal in Ruhe, was überhaupt dargestellt werden soll. Wie groß der zeitliche Umfang der Session wird. Welche Stimmung erzeugt werden soll. Oder ob viel umgebaut werden muss. Und dann springe ich plötzlich auf und baue los. Sehr zum Missfallen aller Leuchtmittel, welche nun meiner Willkür ausgeliefert sind und bis kurz vor knapp nicht wissen, ob heute ihr Tag sein wird.


Pssst: am Ende des Artikels findest du eine Shopping- Liste mit kleinen Helferlein!

Was ist eigentlich Kunstlicht?


Ganz einfach: alles, was nicht die Sonne oder der Mond ist, ist Kunstlicht. Und ja, Mondlicht ist gespiegeltes Sonnenlicht - also ist alles, was nicht Sonnenlicht ist, Kunstlicht. Simpel, oder?

Natürliches Licht - oder zu Neudeutsch Available Light - gibt es vor allem draußen und gratis. Allerdings wird es hier in Deutschland im Winter ziemlich schwierig damit - da hast du oftmals ein Zeitfenster von knappen 2 Stunden für deine Session. Wenn dann noch eine super dicke Wolkendecke am Himmel hängt, wirkt es schnell arg dunkel. Und im Sommer ist die Zeitspanne sehr lang, allerdings ist es gerade in der Mittagszeit viel zu knallig - super harte Schatten, sehr hell, und für einige Zeit kommts steil von oben. Und dann hätten wir noch einen entscheidenden Faktor: Wetter. Wenn es regnet, arg windet oder furchtbar kalt ist, möchten alle Beteiligten vielleicht gar nicht auf natürliches Licht zurückgreifen.

Wenn du dich dann noch nach dem Zeitplan deiner Kunden richten musst, kann es mit natürlichem Licht manchmal echt Essig sein.

Kannst du dann auf Kunstlicht zurückgreifen, ist das schonmal die halbe Miete.


Ach so, Kunstlicht… schonmal aufgefallen, dass es im Menü deiner Kamera einen Bereich beim Weißabgleich gibt, der so heißt? Lustiger Weise betitelt es mal das Symbol für die Glühlampe, mal für eine Leuchtstoffröhre. Oh, und Weißabgleich… was ist das noch gleich?

2. Der Weißabgleich - was soll das?


Ganz simpel zusammengefasst: über den Weißabgleich legst du (oder die Kamera) fest, was als „weiß“ gilt - alle übrigen Farben werden daran angeglichen. Deine Mutmaßung könnte jetzt sein: naja, weiß ist eben das, was weiß ist?! Richtig. Allerdings gilt dies nur für dein Auge, nicht für deine Kamera. Dein Auge, bzw. dein Gehirn, hat gelernt, dass bestimmte Dinge einfach immer weiß sind. Natürlich nehmen wir wahr, dass Kerzenlicht „wärmer“ ist als das Licht aus den Leuchtstoffröhren einer Garage. Trotzdem nehmen wir Dinge wie eine Buchseite oder ein Blatt Papier in beiden Situationen als weiß wahr. Deine Kamera bildet sie nur dann als weiß ab, wenn der Weißabgleich auf die dazu passende Farbtemperatur (in Kelvin) eingestellt ist.


Ganz ehrlich: setz dich hin und probiere es mit deiner Kamera aus. Hier heißt sehen glauben.


Zurück zum Thema Kunstlicht! Wir halten fest, dass alles, was nicht von der Sonne kommt, Kunstlicht ist. Alles, was an deiner Kamera im Bereich des Weißabgleichs als irgendwas benannt ist, ist ein Preset, also eine Voreinstellung. Manche stimmen so gut wie immer. Manche, beispielsweise „bewölkt“, sind ein Näherungswerte. Ab wann ist es bewölkt, ab wenn ist es „Schatten“ und ab wieviel Schäfchenwolken gilt es als „sonnig“? Alles diverse Namen von Presets. Und alle kein „Kunstlicht“ ;)

An meiner Kamera gibt es mittlerweile 3 verschiedene Einstellungen für Leuchtstoffröhren. Ja wow. Und mindestens eine für Glühlampe. Allerdings hat eine 60W- Birne eine andere Kelvin- Temperatur als eine 100W- Birne. Natürlich gibt es auch das Blitz- Symbol. Allerdings bringt mir das mit einem Aufsteckblitz oftmals nichts, weil es auf ca. 5500 K eingestellt ist - bei manchen Kameras regelt es sich auch im Automatik- Blitz- Modus nach, es spricht dann also die gleiche Sprache wie der Aufsteckblitz. Du siehst, all diese Presets sind eine Art Empfehlung, haben aber oftmals nichts mit dem Licht vor deiner Linse zu tun.

Weißt du, was hier ganz prima hilft? Eine Graukarte. Diese hältst du in das Bild und kannst darauf später in der Nachbearbeitung (Achtung, am besten nur bei Raws!!) den Weißabgleich machen. Geht ganz easy. Dennoch gilt: es ist immer besser, wenn du schon bei der Aufnahme zumindest nahe am richtigen Kelvin- Wert bist, und dann nur noch eine kleine Abweichung über die Graukarte regulierst.

Hier ein paar Kelvin- Werte zum Verständnis:

Kerze 1500 K

Glühlampe 3500 K (im Bild die Vintage- Lampe mit 2000 K)

Mittagssonne (oder Sudioblitz) 5500K

Aufsteckblitz um 6500K


Da meine Kamera nur bis 2500K einstellbar ist, muss ich die zwei ersten Bilder "Kerze" und "LED- Vintage- Lampe" in der Nachbearbeitung grob anpassen.


Wenn deine Kamera noch auf 5600K eingestellt ist (du hast gerade noch draußen im Mittagslicht fotografiert) und du anschließend einen Raum voller Kerzen fotografierst, wird es sehr, sehr, sehr gelb.

Natürlich möchte man nun, wenn man schon Kerzen fotografiert, deren Lichtschein nicht nahezu weiß im Bild erscheinen lassen. Genau die Wärme und das Leuchten möchte man ja darstellen. Also passt man den Weißabgleich so an, dass zum Beispiel die Haut eines Modells in dem Bild nicht mega gelbstichig erscheint, aber der Lichtschein auch nicht zu weiß wird. Da wird sich etwas realistisches finden! Im folgenden Beispiel habe ich für die Kerzen 2500 K und für die Vintage- Lampe 2700 K eingestellt.






3. Wieso gehören Weißabgleich und Motiv zusammen?


Wie du schon gerade feststellen konntest, regelt der Weißabgleich nicht nur, wie weiß etwas erscheint (zum Beispiel ein Blatt Papier), sondern auch die Wärme oder Kühle des Gesamteindrucks. Nun liegt es ganz in deiner Gestaltungsfreiheit, wie du etwas erscheinen lassen möchtest. Ich gehe nun von allgemeinen Erwartungen aus. Stellen wir uns vor, dass du ein Model in einem romantischen Kaminzimmer fotografierst, das Feuer lodert, das Modell sitzt in einem gemütlichen Sessel und liest in einem dicken Wälzer. Vor unserem Auge entsteht alleine durch den Kamin ein warmes, „rotes“ oder „gelbes“ Bild. Wäre nun alles eher weiß oder sogar bläulich über den Weißabgleich eingestellt, würde der Betrachter verwirrt reagieren. Es passt einfach nicht zusammen. Generell ist das kein Problem, da du am Ende den Look deiner Bilder bestimmst. Wenn du den Betrachter verwirren oder zum Nachdenken anregen möchtest, kannst du das natürlich über eine „unerwartete“ Lichtstimmung erreichen. Genau so gut kannst du über den passenden Weißabgleich das Bild in sich abrunden und sehr stimmig wirken lassen. Du kannst über den Abgleich die Aussage des Bildes noch mehr verstärken.

Spannend wird es, wenn du unterschiedliche Lichtquellen nutzt und dadurch um abweichende „Temperaturen“ nicht herum kommst. So kannst du zum Beispiel ein Set mit einem großen Lichtformer und einem Studioblitz in Mondlicht tauchen und das Model sich an einer warm wirkenden Kerze wärmen lassen. Je mehr der Weißabgleich deiner Kamera in Richtung 1500 K wandert, desto blauer wird das „Mondlicht“. Probiere es aus!




4. diese Kunstlicht- Lichtquellen nutze ich


Meine liebste Quelle ist der Studioblitz. Dafür besitze ich auch eine ganze Reihe Lichtformer, um dadurch das Licht beeinflussen und lenken zu können. Gerne nutze ich für Farbkleckse im Bild noch Aufsteckblitze - da sie meist mit einer Farbfolie daher kommen, ist die Kelvin- Abweichung (siehe oben) nicht so dramatisch.


oranger Farbklecks durch Aufsteckblitz

Eine weitere tolle Lichtquelle ist meine leistungsstarke Taschenlampe von LED Lenser - mit ihr kann man spontan kleine bis recht große Flächen ausleuchten und prima Lightpainting machen. Auch sie kann man gut mit Farbfolien nutzen. Vor allem kann man so ein kleines Teil für spannende Lichteffekte bei Nahaufnahmen von Maschinenteilen, Auto- Details, Pflanzen und sonstigem Kleinkram gebrauchen. Außerdem habe ich sie mal total provisorisch bei einer Session mit Modell genutzt - alle meine Blitzakkus waren nämlich leer. Sie ist echt variabel einsetzbar.


Taschenlampe in Aktion!

Für meine Fantasy- Bilder habe ich immer mal wieder verschiedene Lichterketten benutzt: es gibt sie in klein und fast unsichtbar mit Batterie, oder in ewig lang und unterschiedlichsten Formen mit Strom aus der Steckdose. Man kann damit in einem Bild kleine Lichtpunkte setzen, sodass es fast wie ein Sternenhimmel wirkt. Oder man kauft sie als Vorhang, den man mittig über dem Set aufhängt, die einzelnen Strippen dann nach vorn und hinten laufen lässt: die Tiefe und das Bokeh, die sich hieraus ergeben, kann man sich in der Schönheit kaum ausdenken!

Hier mit leicht warmer Kelvin- Einstellung

Kerzen sind ebenfalls immer sehr beliebt und tauchen alles in ein romantisches, warme Licht. Doch Vorsicht bei offenem Feuer: stelle dir einen Eimer Wasser oder einen Feuerlöscher bereit. Ohne Witz. Ein Set mit viel Stoff und Tüll, eine Kerze kippt um: du hast keine Zeit mehr um erst noch den Eimer für das Wasser zu suchen.


2500 K - angenehm warm, aber noch nicht zu gelb.

LED- Leuchtkügelchen für Luftballons - habe ich auf der Suche für eine Hochzeitsdeko entdeckt. Ich liebe diese Teile. Wenn du sie in einen Luftballon steckst, glüht der Ballon dadurch echt nice. Funktioniert auch mit Helium im Ballon. Man kann davon aber auch eine ganze Handvoll einschalten und die Kügelchen dem Modell in die hohle Hand legen; wirkt sehr magisch. Ebenfalls kann man sie prima in einem spannenden Stillleben verteilen.


Zuerst siehst du für den Vergleich, das Licht aus einem Ballon und aus meiner Hand bei 5600K. Es ist unheimlich kalt. Erst bei 10000K erreicht man ein natürlicher wirkendes Licht. Trotz des Anspruches, dass Kamera und/oder Nachbearbeitung 10000K anzeigen können, lohnen sich diese kleinen Lichter (mit einem Ballon verwandeln sie sich fast in kleine Softboxen) als ungewöhnliche Lichtquelle.

In einem sehr günstigen Dekoladen bin ich über spannend geformte Glühbirnen gestolpert und habe eine sehr große Ausführung davon mitgenommen. Ihr Licht ist warm und sie sieht durch den großen, sichtbaren Glühfaden echt aufregend aus. Mit einer tollen Fassung wird daraus eine echt hübsche Lichtquelle.


Das gelbe Licht siehst du hier gut am Hals

LED- Dauerlicht habe ich ebenfalls in verschiedenen Ausführungen erstanden. Es gibt größere Flächenleuchten (diese nutze ich eher für Videos, um das ganze Set auszuleuchten), einen LED- Stick mit Akku- oder Netzbetrieb und RGB- Einstellungen, einen kleinen LED Spot mit RGB- Einstellung und einen leistungsstarken Spot, welchen ich auch eher im Video- Bereich nutze.

Den kleinen Spot und den Stick kann man gut als Effektlicht nutzen, da sich beide über die RGB- Einstellung ganz bunt mischen lassen. Besonders für Sets, in denen ich nur schwach blitze und das Set gegebenenfalls öfters umbaue, eignen sich diese beiden sehr gut, da sie kabellos funktionieren. Somit spart man sich das lästige an- und absteckern. Grandios! Allerdings wirken sie kaum noch, wenn das Blitzlicht zu stark wird - dagegen kommen die beiden nicht an.


klick auf das Bild und du siehst ein Video des Aufbaus!

Zusammenfassend kann ich dir sagen, dass du mit dem richtigen Weißabgleich und der Wahl deiner Ausleuchtung einen großen Einfluss auf die erzählerische Komponente eines Bildes hast. Wenn du dir die Vor- und Nachteile deiner einzelnen Kunstlichtquellen anschaust, kannst du schnell entscheiden, welche für das jeweilige geplante Set die passende Wahl sind. Besonders bei unzugänglichen Stellen kannst du mit Aufsteckblitzen oder LED- Spots arbeiten. Wenn du Zeit zum Belichten hast, aber auch gerne mal mit Lichtfarben spielen möchtest, hast du mit LED- Leuchten viele Möglichkeiten.

Bei großen Sets, die viele verschiedene Lichtformer, eine besonders große Farbgenauigkeit oder auch schnelle Verschlusszeiten erfordern, empfehlen sich Studioblitze.

Für emotionale, nachdenkliche, geheimnisvolle Portraits kannst du gerne zu Kerzen, Lichterketten oder kleinen Spielereien wie Ballon- Lichtern greifen. Und eine leistungsstarke Taschenlampe gehört nach meiner Erfahrung in jede Kameratasche.


Jede noch so unscheinbare Lichtquelle hat ihre Berechtigung. Und packe sie einfach mal wieder aus und spiele ein bisschen mit ihnen - sie haben es verdient.

Ich gehe jetzt noch ein paar Bilder für diesen Artikel machen - damit die Kerzen auch mal wieder zum Einsatz kommen.


Bis bald, Tina.




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