Lichtsetzung - vom Fahndungsfoto zum Hingucker

Wenn ich mir Fotos anschaue - egal ob sie von von angesehenen Profifotograf*innen stammen oder mir auf Instagram aus der Hand von Hobbyfotograf*innen präsentiert werden - , denke ich unweigerlich über das Licht nach. Natürlich spielen Gestaltung und Aussage auch eine Rolle. Doch was mich meistens als erstes fesselt, ist eine spannende Lichtsetzung. Genau so schnell, oder auch manchmal schneller, entscheidet sie darüber, ob ich direkt weitergehe zum nächsten Bild. Wie du meinem Bannerfoto dieses Artikels entnehmen kannst, liegen Welten zwischen einem Fahndungsfoto-ähnlichem Bild und einer Aufnahme, die einer Fotosession für einen Beitrag in einem Rock-Magazin hätte entspringen können. Und dennoch sind beide Bilder innerhalb weniger Minuten entstanden.


In diesem Artikel soll es heute genau darum gehen, wie du die verschiedenen Lichtarten zu erkennen lernst und dir eine Vorstellung davon geben, wie man sie erzeugen kann - und das mit nur 1 Blitz/Lampe/Lichtquelle.

Denn oft haben wir nur eine Lichtquelle und müssen trotzdem keine flach wirkenden Bilder machen, sondern könne damit rockige Momente schaffen!


1. das Pfannkuchen-Licht

Das "Fahndungsbild " entstand so, wie viele Bilder entstehen: Kamera an, Blitz draufgesteckt und auf den Auslöser gedrückt. Zugegeben, hier war kein Aufsteckblitz der Übeltäter, sondern ein Studioblitz, welcher direkt neben meinem Objektiv stand. Am Ende erzielte ich damit allerdings das fast gleiche Ergebnis: ein frontales, direkt auf das Gesicht des Modells fallende Licht - hier mit einem klitzekleinen Versatz nach links (erkennbar an dem harten Schatten in der rechten Kinnpartie und dem Schattenwurf im Hintergrund).

Vorteil: das Modell wird durch das frontale Licht von all seinen Hautunreinheiten befreit. Wo keine Schatten, da keine Pickel. Erinnert doch verblüffend an die hochgelobten Ringlichter, oder?

Nachteil: wo keine Schatten, da keine Kugel.

Hä? Unser Dozent erklärte es uns damals mit folgender Frage: Was unterscheidet eine Kugel von einem Kreis? Nach einigen philosophisch anmutenden Antworten war es uns dann klar: den Unterschied macht der Schatten. Wenn du magst, probiere es aus! Nimm dir jetzt sofort einen Stift und ein Papier - male einen Kreis - stell dir oben links eine Lichtquelle vor - nun male einen Schattenverlauf hinein - zack, aus Kreis wird Kugel. Und genau da wollen wir auch beim fotografieren hin. Weg vom platten Kreis zur wohlgeformten Kugel. Oder um es mit den Worten meines Dozenten zu sagen: weg vom Pfannkuchen.


2. das Seitenlicht

Hier handelt es sich um ein Licht, welches wie der Name schon ankündigt, von der Seite auf das Modell fällt. Durch anatomisch bedingte Individualität ist dieses Licht nicht bei jedem zu nutzen. Anfangs musst du es ausprobieren, später wirst du sehen, bei welchem Modell du dieses Licht einsetzen kannst.

In der Natur findest du dieses Licht bei aufgehender und untergehender Sonne - wenn die Schatten gaaaanz lang werden. Alles wirkt geheimnisvoll, in all den Schatten tauchen helle Vorsprünge auf, nicht alles ist sofort erkennbar. Wenn wir uns den Lichteinfall anhand einer Sonnenlaufbahn vorstellen, wäre das gegen 9:30 Uhr und 14:30 der Fall (stell dir dazu vor, dass die Sonne am Tag von 9 Uhr (Sonnenaufgangspunkt) bis 3 Uhr (Sonnenuntergangspunkt) umherwandert - natürlich sind dies keine festgelegten Uhrzeiten, denn die Uhrzeit des Sonnenstandes variiert nach Jahreszeit).


Bei einem Gesicht solltest du darauf achten, dass du es mit dem Schatten nicht "halbierst". Dies wird genau dann vermieden, wenn das Auge in der Schattenseite aufleuchtet und etwas Licht abbekommt. Und genau das ist die anatomische Krux an der Sache: das Licht muss die Nase passieren, um auf das Auge zu fallen. Doch nicht jede Nase und jede Augenhöhle ist so gebaut, dass das herüberfließende Licht NUR das Auge berührt, meist streift es noch etwas den Bereich der oberen Wangenpartie oder den Wangenknochen.


Von links nach rechts:

Pfannkuchenlicht - Seitenlicht in der frontalen Ansicht - Seitenlicht rechts neben Modell stehend aufgenommen

Natürlich habe ich alle Bilder für diesen Artikel nachbearbeitet: die Haut habe ich gesäubert und ein wenig die Schatten aufgehellt, damit du siehst, was man mit nur einem Licht und ein klitzekleinem bisschen Nachbearbeitung aus einer Datei rausholen kann. Bei dem seitlichen Bild habe ich der unglaublich geduldigen Jana noch einen goldenen Reflektor in die Hände gegeben, um die Aufhellung auch ohne Nachbearbeitung zu zeigen.

Du siehst im Vergleich zum Pfannkuchenlicht, dass das Gesicht viel spannender aussieht und dein Auge beschäftigt wird: du wanderst wahrscheinlich zwischen beiden Augen hin und her, schaust, bis wohin das Licht auf der Lippe geht, betrachtest den goldenen Lichtreflex in der Kinnpartie. Findest du das linke Bild mit dem nüchternen Look genau so spannend?


3. das Rembrandt-Licht

Mitte des 17. Jahrhunderts malte Rembrandt etwas sehr spannendes: ein Dreieck aus Licht unter dem Auge des Portraitierten. Und er malte es immer wieder. Zahlreiche seiner Kunstwerke sind ein reines Spiel zwischen Licht und Schatten. Doch was haben wir heute davon?

Naja, was er damals mit dem Pinsel und einer Leinwand konnte, können wir mit Kamera und Lichtquelle! Das Rembrandt-Licht malt genau wie damals ein Dreieck unter das Auge des Models, welches sich im besten Fall (Achtung: Anatomie!) schließt. Wenn es richtig gut läuft, umschmeichelt es die Oberlippe bis zum Mundwinkel und gibt dem Kinn etwas Form; nicht zu vergessen gibt es auch der Stirn mehr "Rundung" (you remember: heute keine Pfannkuchen). Im Gegensatz zum Seitenlicht gibt es mehr vom Gesicht preis und lässt dem Auge mehr Raum, um feinere Details zu erforschen. In der Natur findest du dieses Licht ungefähr dann, wenn unsere vorgestellte Sonne so ca. auf 10:30 Uhr und 1:30 Uhr steht.

Wow! Und diese Lichterkenntnis hatte Rembrandt schon um 1650 rum. In der Moderne sieht es dann so aus:

Von links nach rechts:

Pfannkuchenlicht zum Vergleich - Rembrandt-Licht aus frontaler Sicht - Rembrandt-Licht rechts neben dem Modell stehend


Tatsächlich gab die Anatomie hier kein völlig geschlossenes Rembrandt-Licht her, wenn man ein recht großes Dreieck wünscht. Hier kann es hilfreich sein, die Öffnung in der Spitze mit Photoshop etwas zu verdunkeln. Sichtbar wurde es erst durch die Aufhellung mit dem goldenen Reflektor im rechten Bild. Doch im Allgemeinen kannst du sehr gut sehen, wie das Gesicht mehr Details aufweist als beim Seitenlicht, viel Futter für das umherwandernde Auge bietet, und trotzdem eine ganz andere Form hat als beim linken Bild. Achte auch mal auf die Strukturen im Pullover sowie die Reflexe in den Haaren.


4. das hochfrontale Licht

Diese Lichtart ist - aus meiner Sicht - am einfachsten zu setzen. Doch Vorsicht: nur, weil hier "frontal" steht, kommt das Licht NICHT von vorne. Der Trick ist das "hoch". Die frontale Komponente sorgt dafür, dass zwar sehr viel Licht auf das Gesicht des Modells fällt, dennoch wirkt es nicht platt wie beim Pfannkuchen. Denn durch die hoch platzierte Lichtquelle werden Schatten geschaffen, welche das Modell quasi schminken: durch die Schatten unter den Augenbrauen wirken diese betont, ebenso werden die Wangen konturiert durch die Schatten des Jochbeins und die Unterlippe bekommt mehr Volumen durch den Schattenwurf. Am wichtigsten ist der Schatten unter der Nase: er wird - je nach Anatomie - zu einem Schmetterling, sollte jedoch nicht die Oberlippe berühren, denn dann steht die Lichtquelle zu steil und aus dem Beautylicht wird ein Totenkopf, da sich alle Schatten ungünstig verlängern.

von links nach rechts: Pfannkuchenlicht zum Vergleich, hochfrontales Licht von vorn - hochfrontales Licht rechts neben dem Modell stehend


Bei diesem Vergleich wird schnell deutlich, warum es sowichtig ist, dass die Lichtquelle hochgestellt wird. Wenn du das linke und das mittlere Bild vergleichst, siehst du gefühlt eine Million Unterschiede. Das Gesicht des Modells wirkt im mittleren Bild wesentlich klarer geformt, jede Knochenpartie wird hervorgehoben und schafft somit klare Linien für das Gesicht. In linken Bild fehlen jegliche Schatten, da die Knochenstruktur durch das rein frontale Licht nicht zur Geltung kommt. Auch im Halbprofil rechts siehst du, wie das Licht das Modell "schminkt" - trotz goldener Aufhellung, um die harten Schatten etwas weicher wirken zu lassen. Bei diesem Licht geht es nicht um Rätselhaftes oder Mystik; Butterflylight, Beautylight oder Hollywood-Licht - die Namen verraten schon, dass es um Schönheit und Ausgewogenheit geht. In der Natur käme es wohl einem Sonnenstand um 11:30 Uhr und 13:30 Uhr gleich - das Licht für die Schönheit bietet dir keinen großen Zeitrahmen.


Nun kennst du sie also, die 3 Lichtarten, welche aus jedem Pfannkuchen ein Highlight werden lassen! Auf Youtube findest du ein Video, in welchem ich dir alle drei Lichtarten an Jana zeige. Und auf Instagram gibt es ein cooles Reel dazu, in welchem du den jeweiligen Standort der Lichtquelle sehen kannst.

Probiere es doch mal aus und tagge deine Bilder mit #fancylightmoments - lass uns zusammen aus frontalem Langeweilelicht spannende Lichtmomente kreieren!


Zum Schluss zeige ich dir ein paar Bilder, welche ich mit Jana im Anschluss an die Blog-Bilder gemacht habe. Denn ganz wichtig: nur weil die Bilder oben recht steril sind, heißt das natürlich nicht, dass man diese Lichtsetzung nur für steife Fotos nutzen kann!

Ob du alle Lichtarten wiederfindest? Lass es mich in den Kommentaren wissen!


Und ganz bald gibt es einen Blog dazu, was man mit mehr als einer Lichtquelle anstellen kann.


p.s.: bei den nachfolgenden 6 Bildern hatte ich für die fancy Hintergrundgestaltung eine weitere Lichtquelle - zum Setzen des Hauptlichtes brauchte ich es natürlich nicht.


p.p.s.: Lass Jana ein bisschen Liebe da und besuche sie auf Instagram! Sie hat so tapfer durchgehalten und ist immer ernst geblieben - was spätestens beim Video nicht mehr so leicht war!



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