Mit diesen Themen habe ich mein Diplom gemacht - Umweltschutz und der weibliche Körper

Aktualisiert: Jan 29

Völlig fertig mit den Nerven sammelte ich meine Bilder ein und räumte sie vorsichtig zurück in die große Pappschachtel. Noch immer liefen mir Tränen über und unter den Mundschutz, ich konnte es einfach nich glauben: die Diplomprüfung war vorüber, ich hatte meine Note und konnte mich ab nun Diplomfotografin schimpfen. Eine gute noch dazu. 1,4 war das Ergebnis. Und das ist mal gar kein Grund zum heulen, oder? Naja, Prüfungsangst eben - was soll’s.

Nachdem ich alle meine Sachen von den großen Präsentationstischen geräumt und Platz für den nächsten Prüfling gemacht hatte, ging ich erst einmal frische Luft schnappen. Aber nur ganz kurz, schließlich wollte ich die Werke meiner Mitstreiter sehen. Und doch lange genug für einen kurzen Rückblick…


1. Warum ich Fotografie studierte


Im Frühjahr 2016 entschloss ich mich, neben meinem Studium der sozialen Arbeit eine Ausbildung zur Fotografin zu machen. Und die ebenfalls in Form eines nebenberuflichen Studiums. Meine erste Bewerbung an einer staatlichen Uni wurde abgelehnt. Nach gut einer halben Stunde Frustheulen holte ich voller Trotz mein Handy zur Recherche raus. Wenn mich die Einen nicht haben wollen, dann gehe ich eben in einer anderen Stadt studieren. Eigentlich wollte ich mir lange Fahrwege sparen. Aber irgendwie musste sich das Studium doch realisieren lassen.

So entschied ich mich für die Fotoakademie in Köln, an welcher ich nach einem recht langen Bewerbungsgespräch aufgenommen wurde.

Eine komplett privat finanzierte Ausbildung, neben dem Beruf, gut eine Stunde Fahrzeit, in einer mir völlig fremden Stadt.

Es folgten 4 Semester voller Fotos. Viele Prüfungen, viel Frust, viele Grenzen, Überschreitung der selbst gesteckten Grenzen, Wachstum und Entwicklung. Neben vielen kleinen Erfolgen und einem abgeschlossenem letzten viertem Semester - der Schlüssel zum Diplomsemester - folgte ein Streit mit meinem Dozenten. Wenn zwei Dickköpfe aufeinander prallen… folgte für mich eine Auszeit von einem Jahr. Da ich unbedingt meinen Abschluss haben wollte, nahm ich im Herbst 2019 noch einmal Anlauf und sah mich dann nach einem harten Semester im Mai 2020 heulend - aber zufrieden - als Diplomfotografin im Mediapark herumstehen.


2. Wofür habe ich das alles eigentlich auf mich genommen?

Zum Start des Ganzen dachte ich vor allem daran, dass ich einfach nur besser fotografieren lernen wollte. Während des Studiums entschied ich für mich, dass mir ein Leben als selbstständige Fotografin viel zu anstrengend und unsicher sei. Zum Ende hin - es lagen fast zwei Jahre voll doppelter Belastung durch zwei Jobs, einem fertigen Bachelor in sozialer Arbeit, und unendlich vieler Fotos hinter mir - wollte ich nur noch eins: fertig werden, einen Haken ran machen und bloß arbeiten. In meiner Zwangspause zwischen Diplomversuch 1 und 2 musste ich mich auch im Job entscheiden. Ich wechselte den Arbeitgeber, um einen geregelteren Arbeitsalltag zu bekommen und entschied mich, nur noch einen Job zu haben. Neben der Fotografie. Neben dem Diplom. Und während ich mich dann immer mehr um meinen Abschluss bemühte, kam ein Virus daher und mischte alle Karten noch einmal neu.



3. Mein letztes Semester - Vorbereitungen und Pläne

Wie lief mein letztes Semester eigentlich ab? Erst einmal sehr ratlos. Keine meiner Fotoideen - davon benötigte man übrigens zwei - erschien auch nur im Ansatz als gut genug, als diplomwürdig. Ab September ging das Grübeln los. Gegen November war mir klar, dass ich ein Projekt im Stil von Roger Ballen machen wollte. Das hatte im dritten Semester schon einmal gut funktioniert. Und das zweite Projekt könnte was mit Stillleben sein. So müsste ich keine Termine mit Modellen machen, könnte mich notfalls mitten in der Nacht im Studio einschließen und bräuchte nicht viel Material.


Roger Ballen- inspirierte holycards


Roger Ballen- inspirierte holycards

Roger Ballen- inspirierte holycards

Roger Ballen- inspirierte holycards

Gut. Immerhin diese Pläne hatte ich. Und trotzdem kamen mir keine Ideen. Zu diesem Zeitpunkt, mittlerweile Dezember, fand ein Workshop an der Akademie statt. Und ein großer Leitsatz war „Einfach mal machen“. Also startete ich - noch immer völlig ideenlos - auf einer Socialmedia- Plattform einen Model- Aufruf, einfach um ins Machen zu kommen, weg vom Denken und Grübeln.


Stillleben nach Vera Mercer

Stillleben zum Thema Handwerk

4. Die Wahl der Themen und wie ich darauf kam

So startete ich eine Fotosession mit Mademoiselle Fusiller, inklusive vieler guter Gespräche; und am Ende davon war klar: mein großes Projekt wird sich um Endometriose drehen. Ich hatte noch keine wirkliche Idee, wie sich das große Thema Endometriose in Papier und Pappe (meine erste Wahl bei der Set- Gestaltung) darstellen lassen sollte - aber die Idee, das Thema, die Möglichkeiten packten mich immer mehr. Und aus den letzten Jahren wusste ich: jetzt hieß es dran bleiben! Ich bastelte mir ein Moodboard zusammen und freute mich auf den nächsten Besprechungstermin in der Uni. Ab jetzt wollte ich umsetzen und nicht mehr grübeln. Endlich fühlte es sich richtig an!


Headfog

Auch für meine Stillleben hatte ich schon ein Moodboard zusammen gesucht. Es fehlte leider noch immer ein Thema. In der Uni brachte mich unser zweiter Dozent auf die Idee, bei den Stillleben doch an ein ganz globales, wichtiges Thema zu denken: Umweltschutz. Uff, ein großes Thema mit noch größerem Möglichkeitsradius. Wow. Quasi aus dem Nichts heraus entschied ich mich für die Belastung und Zerstörung der Weltmeere. Die einzelnen schadhaften Quellen waren recht schnell ermittelt - dabei half mir ein ausgiebiges Gespräch mit nici_nevergrewup, welche schon seit längerer Zeit in diesem Bereich sehr aktiv unterwegs war.


Zerstörung durch Lärm

5. So setzte ich meine Serien um

Für die große Serie über Endometriose hatte ich mich stilistisch vor allem an Roger Ballen orientiert. Aber auch die imposanten Sets von Tim Walker boten ihre Reize, ebenso die fantastischen Ideen Jamari Liors.

Als Hauptmaterial kam vor allem Papier zum Einsatz, verschiedene Formen von Pappe leistete ihm Gesellschaft, dazu kam noch Folie und Watte, sowie eine Prise Graffiti- Marker in deckendem Schwarz.

Viel schwieriger war jedoch die Wahl der Modelle. Sollten es alle Betroffene sein? Oder konnten auch nicht betroffenen Frauen diesem Thema ihre Stimme verleihen? Ich entschied mich nach Gesprächen mit Betroffenen aus einem Mix aus beidem. Ich fotografierte mit insgesamt 6 Modellen gut 2000 Bilder. Und wählte immer wieder aus. Ganz ehrlich - ohne die Unterstützung meines Dozenten wäre ich bei der Auswahl verloren gewesen.

Maybe not.

Das Set bestand immer aus zwei 2x2m großen Stellwänden, die im 90Grad- Winkel aneinander standen. So entstand ein Raum. Die Modelle wurden eingeladen, ihren Raum ganz nach ihrem Gefühl einzurichten. Ob es ein Dschungel aus Folienschnipsel werden sollte, voll mit weicher Watte gepolstert oder durch Papierwürste versperrt - jede konnte ihr Set nach ihren Empfindungen zu der Erkrankung Endometriose einrichten. Ich stellte schwarze Marker und Spraydosen zur Verfügung, welche zur Gestaltung der Rückwände ebenso verwendet werden konnten wie die Unmengen an Weidezaundraht - der sich am Ende sogar um den Kopf eines Modells gewickelt wiederfand. Jede Session war neu und aufregend, sowie tief emotional und befreiend. Um dem Gesamteindruck noch mehr Wirkung zu verleihen, entschied ich mich schon anfangs dazu, die Serie in schwarz/weiß abzuliefern.


Selflove. Peroid.

Für die Stillleben benötigte ich Unmengen an Material. Ganz anders, als ich anfangs dachte. Dazu fanden sich in jedem Bild verschiedenste frische Blumen wieder, welche eine Verbindung zur „Welt da oben“ herstellen sollten. Jedes Bild behandelte jeweils eine andere Art der Meeresverschmutzung. Von Plastik bis zu Chemikalien war alles dabei. Ein Bild verlangte mir sogar das Bekleben von Gläsern und Tellern mit Kunstrasenpulver aus dem Modellbau ab. Also das hatte ich mich vier Monate vorher definitiv nicht machen sehen!


Schädigung der Korallen durch Chemikalien

Farblich wurde jedes Bild in sich stimmig zusammengestellt. Sowohl die Blumen mussten in ihrer Farbigkeit zum jeweiligen Thema passen, als auch die einzelnen Requisiten. Denn zum Schluss wollte ich die Bilder wie Gemälde wirken lassen. Die Inspiration dazu holte ich mir in entsprechender Kunstliteratur, wo mich vor allem die Werke der niederländischen Maler ansprachen. Letztlich schloss ich mich viele Abende in mein Atelier ein - mal allein, mal mit Unterstützung. Und jedes Mal sah das Studio aus wie nach einem Wirbelsturm. Überall flogen Materialien, abgerissenen Blumenstängel, Stative und sonstiges Zeugs herum. Wie gut, wenn man nach gut 4 bis 5 Stunden harter Arbeit an einem (!) Bild einfach die Türe hinter sich zuziehen kann. Aufräumen kam meist erst an anderen Tagen in Frage.

Unverkennbar - Vermüllung durch Plastik

6. Das habe ich nun davon

Neben einem Abschluss in Fotografie - welchen ich auf Grund der Pandemie noch immer nicht in Papierform in den Händen halten kann - besitze ich nach dem Diplom nun Unmengen an Zeug. Weidezaundraht auf Rolle, 10 Kilogramm Watte, Wellpappe, Packpapier, einen richtig scheußlichen Deko- Krebs aus Plastik und mit Kunstrasen überzogenes Geschirr. Um nur ein paar der Dinge zu nennen.

Erfahrung. Sowohl das gesamte Studium, aber besonders die Diplomzeit hat mir unglaublich viel Erfahrung beschert. Organisation von Fotosessions, Umgang mit Modellen, kreative Prozesse einfach mal laufen zu lassen, Ideen zu entwickeln, mit Druckereien verhandeln, ein Buch binden zu lassen…. und so weiter. Alles Dinge, die ich vor meinem Studium nicht brauchte und nun locker aus dem Ärmel schütteln kann. Dazu kommt noch eine große Portion Improvisationstalent. Wenn eine Session mal nicht so läuft wie geplant: weitermachen. Es wird sich eine Lösung finden.

Doch am Ende ist eins besonders wichtig:

Einfach machen.





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