Zum ersten Mal Mode fotografiert - noch nie gemacht, trotzdem gerockt Teil 1

Aktualisiert: Jan 13

Ich rührte wie automatisch in meinem Kaffee, blendete die Geräusche des griechischen Cafés aus und hörte Julias Location- Vorschlägen zu. Im Moment erzählte sie mir von einer Schausteller- Garage, gefüllt mit Karussells und allerlei Rummelplatz- Zubehör. Ich sah direkt die bunten Lichter vor mir, konnte fast schon Popcorn riechen und dingdongboing- Geräusche hören. So ging es jetzt schon seit gut einer Stunde mit uns: wir tauschten Ideen für eine Mode- Fotosession aus, welche Modelle in Frage kämen und waren nun bei möglichen Locations gelandet.

Während Julia sich ein Stück Kuchen bestellte, konnte ich kurz noch einmal darüber nachdenken, wie ich hier eigentlich gelandet war.

Denn eigentlich hatte ich von Mode gar keine Ahnung.



Während meines Fotostudiums sagten unsere Dozenten immer wieder: aus euren Fotosessions für das Studium können Folgeaufträge kommen! Aha. Als Neuling, der gefühlt gerade einmal seine Kamera von seinem Kopf unterscheiden konnte, glaubte man des erst einmal nicht. Und dann passierte es plötzlich doch. Für eine Aufgabe, die sich um die Portraitierung von Künstlern drehte, nahm ich unter anderem Kontakt zu Julia auf. Sie designed, neben ihrer Tätigkeit als Kostümbauerin, wundervolle Ponchos und Umhänge. Und nun wünschte sie sich diese von mir in Szene gesetzt.

Da ich bis dahin keinerlei Erfahrung im Bereich der Modefotografie hatte, war ich von ihrem Wunsch zwar geschmeichelt, aber auch ein bisschen eingeschüchtert.

Julia habe ich als einen sehr offenen und unkomplizierten Menschen kennengelernt. Da erhoffte ich mir natürlich auch, dass sie ebenso unkompliziert sein würde, wenn es um ihre Ponchos geht. Diese Hoffnung wurde schon während unseres Treffens zur Session- Planung erfüllt.

Julia - Das Ergebnis der Aufgabe "Künstlerportrait"

1. Vorbereitung

Zur Vorbereitung auf dieses Treffen tauschte ich mich mit anderen Fotografen meiner Akademie aus und ließ mir von ihnen Tipps für gute Bildbände geben. Die, die ich mir von der Liste leisten konnte, bestellte ich mir kurzer Hand. Kleiner Tipp für dich: eine eigene kleine Fotoband- Bücherei zu Hause ist Gold wert und unbezahlbar. Sofort kannst du dir analog zig Ideen holen, sie mit kleinen Klebenotizen ordnen und zur Inspiration herumliegen lassen. Digital ist das wirklich schwierig. Bei den ganz Großen der Szene kann man sich unglaublich viel abgucken. Und ich konnte Julia nun, während wir unseren Kuchen weiterhin ausgiebig in weiteren Heißgetränken badeten, mit meiner geplanten fotografischen Umsetzung überraschen.

Julia und ich verständigten uns darauf, dass wir die ganze Session als Projekt durchziehen wollten, bei dem alle Teilnehmenden statt Geld Bilder für unsere Zeit bekommen. Genau, „tfp“ war hier das Zauberwort.

Was ich dir empfehlen kann: sei ehrlich zu dir selbst, und überlege, was du dir zutraust. Tausche dich mit Kollegen aus. Sammle Informationen aus ihren Erfahrungen. So wie du es jetzt auch gerade machst. Und als nächstes kommt noch mehr Ehrlichkeit. Das Ganze ist ein Lernprozess. Lieber eine Session mehr für Umme, dafür aber risikofreier Erfahrungen sammeln - mein Motto.

Du fühlst dich unsicher mit einer Idee? Du weißt nicht, ob das Ergebnis am Ende zufriedenstellend sein wird? Du möchtest neue Techniken austesten? Du möchtest einmal erleben, ob du viele Leute arrangiert bekommst? Versuche es auf tfp- Basis. So versenkt keiner Geld, wenn es am Ende nicht klappt und man hatte einen schönen Nachmittag zusammen. Du kannst dir damit unheimlich viel Druck nehmen. Auch wenn es nach hinten raus plötzlich länger dauert. Nicht so schlimm. Wenn du allerdings pro Stunde deine Models nachbezahlen musst, die Leihgebühr der Outfits steigt, die Visagistin noch drei bezahlte Stunden hinten ran hängt: wow.

Bei tfp sammelst du Erfahrungen und Material, alle können sich ausprobieren und ganz entspannt an die Sache rangehen. Wenn die Bilder am Ende toll sind: der nächste bezahlte Auftrag wird dich entlohnen.


Schnappschuss vom Industrie-Kultur- Atelier

2. Planung

Zurück zu unserem Gespräch im Café: da wir uns sehr gut verstanden und uns schnell auf mögliche Locations und dazu passenden fotografischen Stile einigen konnten, gingen wir direkt in die Planung der Modelle über. Jede von uns kannte passende Modell- Typen, die für die Aufnahmen in Frage kämen. Julia kannte dazu eine fähige Visagistin, welche sie in den kommenden Tagen für unser Projekt begeistern wollte.

Zusätzlich legten wir uns bei pinterest ein gemeinsames Moodboard an. Ein Moodboard ist so etwas wie eine Ideensammlung oder ein Spickzettel. Darauf kannst du Fotos, die die inspirieren, Farblooks oder Posen festhalten (pinnen) und vor dem shooting noch einmal durchgehen. Außerdem ist es eine prima Möglichkeit, andere Kreative in den Prozess mit ein zu beziehen. Schließlich können sie weder in deinen Kopf gucken, noch sitzt man immer zur gleichen Zeit mit allen zusammen.

Unser gemütliches Beisammensein beendeten wir mit einer to-do-Liste für jede, einem gemeinsam nutzbaren online- Moodboard und richtig guter Stimmung. Wir freuten uns schon riesig auf den großen Tag!

Jede von uns fragte in den folgenden Tagen die ihr zugewiesenen Personen, ob sie an dem Projekt interessiert seien. Sobald jemand zustimmte, wurde sie in die gemeinsame Whatsapp- Gruppe eingeladen. Dort konnten wir allen das Moodboard per Link zukommen lassen und uns auf die Fotosession- Termine einigen. Richtig gelesen: TerminE. Denn uns wurde während des Planungstreffens klar, dass all unsere Ideen an einem Tag nicht in der gewünschten Qualität umgesetzt werden konnten. Zwei Tage gaben uns auch die Möglichkeit, neben einer malerischen Outdoor- Location mit vielen fantastischen Pflanzen, etwas mystischem Wald und geschwungenen Wiesen eine weitere Location zu nutzen. Diese glänzte durch ihre völlig entgegengesetzte Abgerocktheit - ein befreundeter Künstler von Julia stellte ihr sein Atelier und das umliegende Gelände zur Verfügung. Somit kam noch alte Industriekultur ins Spiel, welche den Kleidungsstücken einen besonderen Glanz verlieh.


Assistent als Lichtmodel

3. Assistenz

Ich suchte mir für beide Tage eine zuverlässige Assistenz. Und hier sage ich ganz bewusst: Augen auf bei der Wahl deines Assistenten! Dein Sidekick sollte unbedingt zuverlässig sein - ohne ihn bist du an dem großen Tag einfach aufgeschmissen. Außerdem solltest du dieser Person blind vertrauen können. Es geht darum, dass du dein teures Equipment in seine Obhut gibst und er dir während eines stressigen Tages durch sein Handeln Sicherheit vermittelt. Er ist der Kopf, der an „Nebensächlichkeiten“ denkt: haben alle das Handy ausgeschaltet, wer braucht etwas zu trinken, jetzt ist Zeit für einen kleinen Snack, hier ist das ausgedruckte Moodboard…. .Und ganz wichtig: er sollte dir bei kurzen Anweisungen folgen können und keine „nervigen“ Fragen stellen - er ist nicht zur Ausbildung bei dir. Ständige Wiederholungen von Fragen oder dass du ihm während der Session immer wieder zeigen musst, wie er den Blitz halten soll, bringen dich regelrecht um den Verstand. Glaube mir, Stress lässt manches Fotografengehirn ausklinken. Zuletzt sollte er kein Problem damit haben, dass seine Meinung zu deinen Bildideen nicht gefragt ist. Unter vier Augen ja, vor allen laut übers Set rufend nein. Alles schon gehabt, alles nicht lustig gefunden.

Bist du dir vor einer großen Fotosession mit der Assistenz unsicher, macht einen Probetermin aus und grooved euch ein. Klärt genau ab, wie es zwischen euch - rein kommunikativ - laufen kann und soll. Dann klappt es in der Regel auch am Set - selbst wenn plötzlich Regenwetter droht, der Wind deine schon gebrüllten Anweisungen verschluckt und die Dresserin nervös an allen herum zuppelt!

Und dann war es soweit: der große Tag der ersten Session stand vor der Tür.

Doch mehr darüber findest du im zweiten Teil.


Julias Mode findest du auf ihrer Homepage: JulesisJules.com



Schnappschuss im Industrie- Kultur- Atelier

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